Ansprache von Michael Vierling zur Verabschiedung von Frau Bürgermeisterin Nießen am 29. Januar 2020

Sehr verehrte Frau Bürgermeisterin Nießen,

in den letzten Monaten konnten wir erfahren, was wir an Ihnen hatten und haben: kompetent, couragiert, kooperativ, so haben wir Sie kennengelernt. Und ein neuer Stil zog mit Ihnen ein, ein Stil, wie wir ihn hier noch gar nicht kannten. Davon schwärmen natürlich vor allem die Kolleginnen und Kollegen im Ausschuss für Stadtentwicklung, Hochbau, Liegenschaften, in dem Sie den Beratungsvorsitz haben.

Ja, Frau Nießen, Ihrer Freundlichkeit und Herzenswärme kann sich keiner entziehen. Mit beharrlicher wertschätzender Beredtsamkeit haben Sie Widerstand und Kritik pariert. Und sicher hat diese fröhlich-freundliche Argumentationslust auch dazu beigetragen, dass Sie Ihre Ziele, die Ziele der Stadtverwaltung, deutlich machen und durchsetzen konnten. Ich selbst war hoch beeindruckt, wie Sie in der November-Gemeinderatssitzung zum Thema „Aufstellungsbeschluss Bebauungsplan Gämsenberg“ ebenso detailreich wie verständnisvoll auf die Bedenken von AnwohnerInnen eingingen und ausdrücklich zu schriftlichen Äußerungen im Rahmen der Beteiligung der Öffentlichkeit aufriefen.

Ganz subjektiv ist meine Bewertung, dass Sie sich bei uns vor allem um das neue Klimabündnis verdient gemacht haben, aber auch um das Integrierte Klimaschutz- und Energiekonzept, das der Gemeinderat pünktlich zu Ihrem Abschied heute beschlossen hat.

Mit Elan haben Sie das Klimabündnis ermuntert und moderiert – drei konkrete Baustellen für das Jahr 2020 sind entstanden – insektenfreundliche Entsiegelung, Solardach-Offensive und verkehrsreduzierte Innenstadt – da sind außergemeinderätliche Aktionsgruppen entstanden, die selbst etwas bewegen und die Verwaltung und Gemeinderat zu klimafreundlichen Entscheidungen drängen. Und mit dem Klimaschutzkonzept haben Sie bis in ihre letzten Arbeitstage hinein erfolgreich daran gearbeitet, unserer Stadt einen Orientierungsrahmen für konkrete Schritte zum kommunalen Klimaschutz in den nächsten Jahren zu geben.

Das ist viel Substanzielles für eine viel zu kurze Zeit, die der Stadt Ludwigsburg mit ihrer Bürgermeisterin Nießen vergönnt war. Gewählt für acht Jahre, aber das Lebewohl kommt schon nach einem Jahr. Ich spreche für sehr viele von uns Stadträtinnen und Stadträten, wenn ich bedauere, dass wir Sie noch nicht gut kennen gelernt haben – wir gingen ja davon aus, dass die noch lange gemeinsame Zeit die Bekanntschaft vertiefen würde.

Frau Nießen, wir trauern Ihnen hinterher, denn nach reiflicher Prüfung mussten wir uns doch dagegen entscheiden, Sie nach Bremen zu begleiten. Wenn Sie dort mit einem ganzen Ludwigsburger Tross einträfen, das wären dann die Bremer Stadtmusikanten 4.0, und die Bremer Stadtmusikanten, das war ja doch bekanntlich ein ziemlich wilder Haufen.

Ja, wir trauern Ihnen hinterher, aber viele unserer Trauertränen fließen auch aus Selbstmitleid, fließen aus unserer eifersüchtigen Kränkung, dass wir Sie hergeben müssen, dass wir Sie anderen überlassen müssen. Also versuchen wir, unseren Egoismus zu überwinden, versuchen wir uns mit Ihnen zu freuen, dass neue, spannende und wichtige Aufgaben auf Sie warten. Vielleicht tröstet uns auch das Gerücht, dass Herr Oberbürgermeister eine Städtepartnerschaft zwischen Ludwigsburg und Bremerhaven prüft.

Aber auch Sie, Frau Bürgermeisterin, trauern Ludwigsburg hinterher, wie Sie deutlich gemacht haben. Vor allem den Ludwigsburger Butterbrezeln. Doch, doch, Frau Nießen konnte auch genießen. Da frage ich die Bäckerfraktion im Gemeinderat: Können wir nicht ab Februar wöchentliche Brezelrationen in die Bremer Umwelt-Senatsbehörde schicken, damit Frau Nießen den Geschmack, nach Ludwigsburg zurück zu kommen, nie von der Zunge verliert?  

Im Rahmen Ihrer beruflichen Laufbahn bleibt Ludwigsburg ein kurzer Abschnitt. Aber für Ludwigsburg haben Sie Maßstäbe gesetzt, an denen sich Nachfolgekandidatinnen und -kandidaten messen lassen müssen.

Wir haben einen Maßstab gefunden, der zu Ihnen passt: Es ist der Maßstab Mensch, in der Ausführung „Der Bibelzollstock“.  Ich habe mich ja getraut, Ihnen die Gretchenfrage zu stellen: „Wie haben Sie es mit der Religion?“. Und da Sie mir antworten konnten, dass Ihnen die Religion viel bedeutet – da setzen die Bibelzitate auf dem Zollstock sicher ebenso das rechte Maß wie das eine oder andere epochale Ereignis der Menschheitsgeschichte.

Hier das passende Bibelzitat für Frau Nießen: „Eine sanfte Zunge ist ein Lebensbaum.“ Dieser Zollstock ist außerdem ein gutes Symbol für diese Stadtplanerin: So wie dieser Zollstock die Menschheitsgeschichte ausmisst, so haben auch Sie in Ihren Planungen für Ludwigsburg stets den Menschen in den Mittelpunkt gestellt bzw. den Menschen zum Maß der Dinge gemacht.

Und während Ihnen Florian Sorg den Zollstock überreicht noch gleich ein zweites Bibelzitat: „Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund.“ So spricht mein Mund zum Abschied der Ludwigsburger Bürgermeisterin Gabriele Nießen: Wir danken Ihnen, dass Sie sich auf uns eingelassen haben, dass Sie bei uns die Dinge in Bewegung gebracht haben und dass Sie uns in vielerlei Hinsicht zum Vorbild geworden sind.

Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie bald einmal Gelegenheit fänden, uns zu besuchen, vielleicht aus Anlass der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Jetzt aber wünschen wir Ihnen einen hervorragenden Einstand in Bremen, gute Mitarbeiterinnen, Kolleginnen und Vorgesetzte und recht viel Erfüllung im Alltagsgeschehen.